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TRURNIT BLOG

Wissenswertes rund um Kommunikation, Energiemarkt, Digitalisierung und Vernetzung.

Wider den Hirntod der schreibenden Zunft

Von Dagmar Odenwald / / Corporate Publishing / Kommunikation / Web / Digitalisierung / Online / Storytelling /
Alter Schreibtisch mit Schreibmaschine, Briefwaage, Brieföffner und anderen Büro-Untensilien Pixabay

Sie haben mir eine Strafarbeit gegeben. Ich soll einen Blog schreiben. Darüber, was im Netz funktioniert. Logisch, Sex and Crime. Falsch gedacht! Denn folgende Schlagzeilen des Tages spuckt BILD.de auf meine Anfrage aus:

  • 16:28 Uhr. Das Auto feiert Geburtstag: 130 Jahre Brumm Brumm Brumm
  • 16:58 Uhr. Neue Studie: Deutsche googeln sich selbst am liebsten
  • 17:08 Uhr. BILD erklärt die geilsten Handball-Würfe

Wer schreibt, will gelesen werden. So auch ich. Ich sollte also vielleicht besser einen Brief schreiben oder eine E-Mail anstelle eines Blogs. Da habe ich eine konkrete Adresse, der Empfänger kommt mir nur mit einer bewussten und noch dazu unhöflichen Entscheidung aus. Ganz anders hier: Mein Text landet in einem Universum unzähliger Wörter. Sein Schicksal scheint auf der Hand zu liegen.

Journalismus bedeutet, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, in die Tiefe zu gehen

Der Messbarkeits-Wahn

Die Redaktionsstuben verfolgen mit Akribie und in Echtzeit das Nutzerverhalten, um dem Leser auf die Schliche zu kommen: Was läuft, was nicht? Wer liest was wie lange und in welchem Kontext? Suchmaschinenoptimierte Texte holen noch das letzte aus einem Artikel raus, doch plötzlich fehlt das Originäre und das Rad dreht sich von neuem: Der Beitrag wird neu abgemischt, wie es inzwischen heißt, wenn Headline, Teaser oder Zwischenzeilen neu arrangiert werden in der Hoffnung auf größere Reichweite. Online first, gefolgt von Mobile first, Fotos weichen Videos und trotzdem: Reichweite gleich null. Ratlosigkeit kennzeichnet zahllose Versuche herauszufinden, wie man Leser findet und bindet. Mein Verdacht: Vielleicht lohnt sich ja diese Art der Mühe gar nicht.

Einer muss sich plagen

Heute hier, morgen dort ist die Devise im Internet und es ist eine Tatsache, dass ich jederzeit an Informationen herankommen kann. Ich selbst muss mir keine tiefen Kenntnisse erarbeiten. Das haben andere für mich erledigt und ins Netz gestellt. Wenn ich auf ein Thema stoße, finde ich dazu mehr als genug inklusive sämtlicher Meinungen und Kommentare, die ich nie erfahren wollte. Welche Rolle spielt dann also noch der klassische Journalismus, wenn nur noch zählt, was geklickt wird? Ich sage: dieselbe wie eh und je. Journalismus bedeutet, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, in die Tiefe zu gehen, die Hintergründe zu recherchieren, Themen auf den Punkt zu kommen, das Wesentliche zu entdecken. Warum sollte Journalismus im Internet sich davon irgendwie unterscheiden. Gerade hier ist ein Wegweiser hilfreich, der Orientierung bietet und dem Leser Arbeit abnimmt nach dem alten Motto von Wolf Schneider: "Einer muss sich immer plagen. Die Frage ist, ob der Schreiber oder der Leser."

Das Journalismus-Erfolgsrezept: Erst kommt das Denken, dann das Schreiben. Funktioniert in jedem Medium

Denken ist weder alt noch neu

Warum sollte sich daran durch einen Verbreitungskanal etwas ändern? Texte fanden schon immer dann ihre Leser, wenn sie ihn mit etwas Überraschendem gefangen nahmen und ihn dann nicht enttäuschten. Und daher ist alles beim Alten, von neuem Denken keine Rede, denn Denken ist weder alt noch neu, sondern für einen Journalisten schlichtweg unerlässlich: Erst kommt das Denken, dann das Schreiben – dann das Feilen und dann das Gelesen-Werden. Das ist alles. Funktioniert in jedem Medium, auf jedem Kanal. Die Kunst ist es, nicht der Versuchung zu erliegen, einfach mal drauf los zu schreiben, nur weil es das Internet zulässt. Wenn also etwas neu ist in Zeiten, da man ohne Verleger publizieren kann, dann ist es das.