Strom- und Gaspreise: Fatale Portale | trurnit Blog

Strom- und Gaspreise: Fatale Portale

Nur bedingt zum Preisvergleich geeignet – so lautet das Urteil der Verbraucherschützer, die vor kurzem die bekanntesten Vergleichsportale untersucht haben. Das ist schlecht. Noch schlechter für die Verbraucher sind die falschen Bilder, die Portale über die Märkte vermitteln.

Schweres Geschütz gegen Portale

Nach der Analyse pocht der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbz) auf mehr Transparenz. Er kritisiert, dass die Vergleichsportale nicht immer den besten Preis für Strom, Gas, Telefon, Internet oder Flüge ausweisen. Weil sie nur eine eingeschränkte Auswahl bieten, sei kein umfassender Marktüberblick sichergestellt, heißt es. Vor allem bei Telekommunikation und Flügen gebe es Probleme, im Energiebereich sei der Nutzen noch am besten gewährleistet.

Portale sind Makler

Dem vzbz ist zudem das Gemisch aus Vergleich und Vermittlung suspekt: Die Portale müssten endlich deutlich machen, dass sie als Makler aktiv sind. Das scheint vielen Nutzern offensichtlich gar nicht bewusst zu sein. Was soll man zu diesen Anwürfen sagen? Wenn die beanstandeten Kritikpunkte zutreffen, sind die Verbraucherschützer natürlich im Recht. Und die Portale sollten sich aus eigenem Interesse korrigieren, weil dies das Vertrauen und den Wettbewerb stärkt.

„Preisvergleichsportale erzeugen falsche Eindrücke: Sie vereinfachen stark und überbetonen den Preis“

Am Markt vorbei

Die wahre Krux aber liegt woanders: Die Portale leisten mit ihrem reinen Preisvergleich einem verkehrten Eindruck Vorschub. Sie gaukeln den Kunden vor, eine ähnliche Leistung sei per Vergleich und kluger Auswahl deutlich billiger zu haben. Das ist nicht richtig. Denn Leistung hat immer ihren Preis. Das merken „Sparfüchse“ spätestens dann, wenn sie etwas brauchen, aber nicht mehr bekommen, weil sie die Leistung zuvor vertraglich ausgeschlossen haben.

Online-Energievertrieb vs. kommunaler Anbieter

Zweitens sind die Leistungen selten unmittelbar vergleichbar. Nehmen Sie einen Online-Energievertrieb und einen regionalen beziehungsweise kommunalen Energieanbieter: Letzterer ist in der Region verwurzelt, fördert die regionale Wirtschaftskraft, unterstützt kommunale Projekte, Kultur, Sport und unterhält indirekt Schwimmbäder sowie den ÖPNV. Damit sorgt er für einen Gutteil der Lebensqualität vor Ort. All das sind handfeste Argumente, die immer mehr Kunden schätzen. Womit sie Recht haben. Man stelle sich nur mal vor, das alles falle weg! Genau das kann nämlich eintreten, wenn das Preisdumping dazu führt, dass die kommunalen Versorger nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können. Übrigens: Das Vergleichsportal Verivox hat dies bereits erkannt und einen entsprechenden Filter eingebaut, mit dem gezielt nach Energieanbietern in der Region gesucht werden kann.

Ist „billig“ wirklich besser?

In einer weiteren Hinsicht kolportieren die Portale einen verkehrten Gedanken. Sie unterstellen, dass alle Unternehmen, die mehr verlangen als der billigste Anbieter, um des kurzfristigen Vorteils willen die Kunden über den Tisch ziehen. Die Wahrheit ist eine andere: Unternehmen, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen Gewinn erwirtschaften. Unter anderem, um in die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen investieren zu können, die den Kundennutzen weiter verbessern. Eine treffende Anmerkung zu dem Thema machte Ende letzten Jahres Siegfried Russwurm, der Technologievorstand von Siemens. Er sagte bei der Vorstellung der Innovationsoffensive des Konzerns: „Nur das Gleiche immer billiger anzubieten ist eine freudlose Aktivität“. Das gilt nicht nur für die Unternehmen, sondern in besonderer Weise für die Verbraucher.

„Jeder weiß, dass es Gutes nicht zum Nulltarif geben kann. Daran kommen auch die Portale nicht vorbei“

Ist „blöd“, wer nicht nur den Preis anlegt?

Dazu kommt, dass die Portale, die die Kunden aus eigenem Interesse zum Wechsel drängen, suggerieren, ein Kunde, der nicht zum billigsten Anbieter wechselt, verhalte sich ungeschickt. Ganz nach dem bekannten Slogan „Ich bin doch nicht blöd“. Was aber, wenn der Kunde gar nicht so naiv ist und schon einen Preis-Leistungs-Vergleich angestellt hat, die Sachlage aber anders oder vielleicht sogar umfassender beurteilt als das Portal und gerade deshalb nicht wechselt? Ist er dann ungeschickt? Und wer ist dann blöd?

Die Kunst des Abwägens

Damit Sie mich richtig verstehen: Natürlich ist es sinnvoll, Preise zu vergleichen. Das muss jeder wirtschaftlich handelnde Mensch. Und Portale sind wichtige Werkzeuge dafür. Was aber passieren muss, ist ein korrekteres Abwägen. Dieses Prinzip wenden die Kunden übrigens – anders als die Portale behaupten – bei fast jedem Kauf ganz selbstverständlich an. Qualitätsprodukte setzen sich nicht zufällig durch, sondern weil jeder weiß, dass es Gutes nicht zum Nulltarif geben kann. Und daran kommt keiner vorbei, auch nicht die Makler einer Versorgungsleistung, die eine differenzierte Bewertung verdient.

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