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TRURNIT BLOG

Wissenswertes rund um Kommunikation, Energiemarkt, Digitalisierung und Vernetzung.

Der nützliche Verweigerer

Von Frank Trurnit / / Sales / Energiemarkt /
Fischer sitzt auf Steg

Der träge Energiekunde ist ein komisches Phänomen: Einerseits ist er so scheu, dass er nur jedes halbe Jahr in den Blick der Öffentlichkeit gerät. Zugleich ist er für alles verantwortlich, was im Markt schiefläuft. Dafür müsste er aber sehr agil sein. Eine Spurensuche.

Die Theorie zu dieser Figur geht ungefähr so: Weil der Verbraucher so lasch und an seinem Vorteil eher desinteressiert ist, kommt er der ihm zugeschriebenen Aufgabe nicht ausreichend nach und wechselt zu selten den Anbieter und/oder den Tarif. Weshalb erstens der Wettbewerb nicht richtig in Fahrt kommt und zweitens die Preise immer zu hoch bleiben. Oder umgekehrt: Wäre der Kunde agiler, würde er die Anbieter mit seinem Tarif-Hopping unter Druck setzen und zu Preissenkungen erzwingen.

Gut fürs Geschäft

Und wer behauptet das? Das Bild malen regelmäßig die verschiedenen Vergleichsportale in ihren Pressemeldungen. Natürlich müssen sie wegen dieses unhaltbaren und enorm marktverzerrenden Umstandes alle Verbraucher zum Wechsel drängen. Das soll am besten auf ihrer jeweiligen Plattform passieren. Weil jeder Wechsel bares Geld bringt, passt der träge Kunde also haargenau ins Geschäftsmodell! Nebenbei retten die Portale auch noch den Markt und verhelfen den verunsicherten und irregeleiteten Kunden zu ihrem Recht und einem guten Gewissen als Verbraucher. So weit, so klar!

Der wechselfaule Kunde ist eine von den Wechselportal-Betreibern gepflegte Fiktion.

Voll entlastet

Etwas komplizierter ist es bei der Politik: Die meldet sich mit diesem Bild immer dann zu Wort, wenn eine Strompreiserhöhung ansteht, die zumeist Anhebungen der politisch verursachten Abgaben folgt. Das Ganze ist kein zufälliges Zusammentreffen: Ist der Kunde nämlich dafür verantwortlich gemacht, dass der versprochene günstigere Preis noch immer auf sich warten lässt, ist die politische Verantwortung schon mal ausgeschlossen. Eventuelle Fehler bei der Regulierung zu Lasten der Verbraucher können also nie und nimmer ein Grund für die missliche Preisentwicklung sein!

Gelenkte Kritik

Die dritte Partei, die das Bild des trägen Kunden strapaziert, sind die Verbraucherschützer. So löblich und notwendig es ist, dass sie im Sinne der Verbraucher aktiv werden, so deplatziert wirkt es, dass sie dabei dem eigenen Klientel einen Hauptteil der Verantwortung zuschieben. Hier wäre einmal ein kritischerer Blick auf die Politik als wichtigster Arrangeur des Marktes fällig! Das Fazit: Mit dem Bild vom inaktiven Verbrauchers werden mehrere Interessen bedient. Zudem lässt sich kaum noch unterscheiden, ob diese Figur real ist oder nur als Schimäre in die Welt kommt, die für bestimmte Botschaften benutzt wird.

Falscher Ansatz

Ohnehin ist es gewagt, den Stand des Wettbewerbs hauptsächlich an der Wechselhäufigkeit von Anbieter oder Tarif ablesen zu wollen. Damit schließt man alle Kunden aus, die sich, weil sie sich gut aufgehoben fühlen, für ihren bisherigen Anbieter und dessen Tarif entscheiden. Ja, die gibt es – und sie sind sogar ein bedeutender Teil des Marktes! Offenbar wägen viele Kunden zwischen dem Preis und den dafür gebotenen Leistungen bewusster und genauer ab, als ihre Kritiker vermuten. Und rennen gerade deswegen nicht jedem Dumpingangebot hinterher. Übrigens: Das Gegenbild – der allseits bereite Tarif-Hopper – scheint ebenfalls mehr Einbildung als Wirklichkeit zu sein. Ein Grund könnte sein, dass die Verbraucher in ihrer eng bemessenen Freizeit Unterhaltsameres vorhaben, als ihr Leben bis hinein in die letzten Facetten zu optimieren. Und das ist auch gut so!

Abgeklärter als gedacht

Fakt ist: Es wird nicht wenig, sondern relativ viel gewechselt. Darauf verweisen die Monitoring-Berichte zum Strommarkt. Und es gibt einen funktionierenden Markt mit einer enormen Auswahl an Tarifen und Anbietern. Die Kunden nutzen bewusst die gesamte Bandbreite und wägen nach vielfältigen Gesichtspunkten ab. Und es gelingt vielen Anbietern dabei, mit ihren individuellen Leistungen zu punkten.

Von wegen träge: Kunden wägen sorgfältig ab und nutzen die gesamte Bandbreite des Energiemarktes.

Der universelle Sündenbock

Besonders ärgerlich an dem Bild vom trägen und unfähigen Verbraucher ist die Tatsache, dass diese Art der Kundenbeschimpfung mittlerweile in allen Branchen Einzug hält. Immer und für alles soll der Kunde und sein Kaufverhalten verantwortlich sein: für ein Angebot, dass sich nicht durchsetzt oder eine eingeschränkte Auswahl, für eine schlechte Qualität, für zu wenig Umweltschutz, zu schlechte Bezahlung und so weiter. Es bleibt dabei: Ein Sache, die alles gleichzeitig erklärt, erklärt nichts. Dann aber kann man das Märchen vom trägen Energiekunden auch mal wieder weglassen!